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Gallup Engagement Index – Warum ich die Zahlen bezweifle

Jahr für Jahr veröffentlicht das Gallup Institut Deutschland den Engagement Index Deutschland, den das Meinungsforschungsinstitut seit 2001 erhebt. Der Index soll aussagen, wie hoch das Engagement der deutschen Mitarbeiter/-innen sowie die emotionale Bindung an das jeweilige Unternehmen ist. Dieser Index wird dann von der gesamten Wirtschaftspresse gebetsmühlenartig über das ganze Jahr hinweg zitiert. Wenn ich als Redner unterwegs bin, begegnet mir der Gallup Engagement Index auch oft in Vorträgen, die vor oder nach meinem Beitrag gehalten werden. Vor allem Personaler nutzen ihn gern, um damit Handlungsbedarf bei der Mitarbeiterorientierung aufzuzeigen. Was besagen die »Ergebnisse der bekanntesten Studie zur Mitarbeiterbindung« tatsächlich?

Im März 2016 wurde die aktuelle Studie für das Jahr 2015 vorgestellt. Danach stellt sich »der Grad der emotionalen Bindung von Mitarbeitern an ihren Arbeitgeber […] und damit ihr Engagement und die Motivation bei der Arbeit«[i] im Jahr 2015 so dar:

»Nur 16 Prozent der Arbeitnehmer sind mit Herz, Hand und Verstand bei der Arbeit. Die große Mehrheit, 68 Prozent der Beschäftigten, machen lediglich Dienst nach Vorschrift und 16 Prozent der Werktätigen sind emotional ungebunden und haben bereits innerlich gekündigt. Die sind die zentralen Ergebnisse des Engagement Index 2015.«[ii]

Laut Gallup Engagement Index ist nur einer von sechs Mitarbeitern wirklich engagiert

Was bedeuten diese Prozentzahlen konkret? Rechnet man die Zahlen des Gallup Instituts Deutschland um, wäre von sechs deutschen Mitarbeitern nur einer mit Herz, Hand und Verstand bei der Arbeit. Vier (4,08) machen »Dienst nach Vorschrift« und einer hätte »bereits innerlich gekündigt«.

Ich frage mich schon seit Jahren, warum diese Zahlen landauf und landab ohne Widerspruch akzeptiert werden. Für mich sind sie mit dem, was ich in den Unternehmen erlebe und auch bezogen auf den Erfolg der deutschen Wirtschaft nicht nachvollziehbar. Tatsächlich kommt zum Beispiel eine ältere, aufwendigere Studie zu einem ganz anderen, für mich aber nachvollziehbaren Ergebnis.

Eine einer andere Studie kommt zu sehr spannenden Ergebnissen

Diese Studie wurde im Auftrag des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales vom »Great Place to Work Institut Deutschland« (GPWID) in Kooperation mit der Universität zu Köln durchgeführt. Für die Untersuchung wurden 37.000 Mitarbeiter und Manager befragt (2008). Bei Gallup waren es 1.429 Arbeitnehmer (2015). Immerhin stimmen beide Studien darin überein, dass ungefähr jede/r sechste deutsche Berufstätige emotional gekündigt hat. Bei den verbleibenden fünf Mitarbeitern gibt es aber große Unterschiede. Laut dem GPWID sind knapp zwei davon sehr engagiert (31 Prozent). Wie sich die verbleibenden drei Mitarbeiter (50 Prozent) aufteilen, ist ungemein interessant, denn es zeigt, was erfolgreiche Unternehmen ausmacht:

Artikel und Studie über das tatsächliche Engagement von Mitarbeitern in Deutschland.

Die Antworten auf die Fragen zum Gallup Engagement Index sind teilweise kulturell geprägt

Lassen sich die Unterschiede erklären? Warum ermittelt das Gallup Institut einen so niedrigen Wert für das Engagement in Deutschland? Dazu habe ich eine Vermutung. Gallup erstellt den Engagement Index aufgrund von 12 Aussagen, die von den Befrageten im Interview als zutreffend oder nicht zutreffend eingestuft werden sollen. Je mehr davon mit Ja beantwortet werden, umso höher fällt der Wert des Engagement Index aus. Leider hängen die Antworten auf diese Fragen auch von der jeweiligen Kultur ab. Ich will das an zwei der Fragen erläutern:

Q04: Ich habe in den letzten sieben Tagen für gute Arbeit Anerkennung und Lob bekommen.

Kommentar: Die Deutschen loben wahrscheinlich weniger als irgendeine andere Nation in Europa.[iii] Wir halten es oft mit dem schwäbischen »nett gschimpft is globt gnug«. Insofern dürfte diese Frage besonders oft mit Nein beantwortet werden. Ich glaube aber, dass viele deutsche Arbeitnehmer trotz des tatsächlichen Mangels an Lob engagiert sind. Unabhängig davon halte ich die implizite Erwartung, man solle alle 7 Tage loben, für Unsinn. Ich bin ein starker Verfechter von mehr positivem professionellen Feedback in den Unternehmen, warum dieses aber mindestens alle 7 Tage erfolgen soll, erschließt sich mir nicht.

Q10: Ich habe einen sehr guten Freund/eine sehr gute Freundin innerhalb der Firma.

Kommentar: Der Begriff »Freund« bzw. »friend« wird in anderen Kulturen auch für den weiteren Bekanntenkreis genutzt, während er im deutschsprachigen Raum meist enger gefasst wird. Deutsche Angestellte werden die Frage nach einem sehr guten Freund also vermutlich deutlich öfter verneinen als zum Beispiel Amerikaner. Unabhängig davon kann man fragen, ob es notwendig ist, am Arbeitsplatz einen sehr guten Freund/eine sehr gute Freundin zu haben. Viele nette und professionelle Kollegen können auch schon sehr inspirierend sein.

Auch den Gallup Engagement Index anderer Länder bezweifle ich

Ich beobachte eine allgemeine Tendenz, dass »wir Deutschen« bei internationalen Umfragen dazu neigen, uns selbst kritischer zu sehen und zu bewerten, als Angehörige anderer Nationen das tun. All das mögen Gründe sein, warum bei den Amerikanern laut Gallup 32 Prozent der Mitarbeiter eine hohe Bindung an den Arbeitgeber haben, wohingegen es in Deutschland nur 16 Prozent sein sollen. In Japan (6 Prozent) und Frankreich (7 Prozent) ist eine hohe Bindung an den Arbeitnehmer laut Gallup Engagement Index sogar noch seltener der Fall. Man müsste sich wundern, dass diese Länder überhaupt noch etwas produzieren, wenn man diese Zahlen ernst nehmen wollte.

Meine Kritik bezieht sich vor allem auf das zahlenmäßige Ergebnis des Engagement Index und den unkritischen Umgang damit. Die meisten der Q12-Fragen, mit denen der Engagement Index ermittelt wird, sind für mich nachvollziehbar und für Mitarbeiterumfragen durchaus geeignet. Ich kann jedoch die Aussage nicht mehr hören, dass in Deutschland nur jeder sechste Arbeitnehmer eine hohe Bindung an seinen Arbeitgeber habe und sehr engagiert sei, der Rest dagegen Dienst nach Vorschrift mache.

Die Deutschen erbringen entgegen dem Gallup Engagement Index außerordentliche Leistung

Deutschland gehört seit über 20 Jahren zu den drei exportstärksten Ländern der Welt, davon viele Jahre auf Platz 1 als Exportweltmeister. Von den weltweiten 2.734 Hidden-Champions-Unternehmen, also relativ unbekannten Unternehmen, die in ihrer Branche Weltmarktführer sind, befinden sich allein 1.307 in Deutschland.[iv] »Made in Germany« genießt auf der ganzen Welt einen hervorragenden Ruf. Solche Leistungen, für die wir im Ausland häufig beneidet werden, wären wohl kaum mit Mitarbeitern möglich, die überwiegend Dienst nach Vorschrift machen. Die Studie aus dem »Great Place to Work Institut Deutschland« (siehe Link weiter oben) zeichnet deshalb auch ein anderes Bild.

Gerade bei kleinen und mittleren Unternehmen herrscht oft eine gute emotionale Bindung an die Unternehmen und eine deutlich wahrnehmbare Identifikation. Diese kleinen und mittleren Unternehmen aber stellen 80 Prozent der Arbeitsplätze in Deutschland. Nur 20 Prozent der Arbeitsplätze finden sich in Großunternehmen, wo nach meiner Einschätzung mehr Zynismus und weniger Bindung als bei den Mittelständlern beobachten werden kann. Dass die Medien aber zu 84 Prozent über Großunternehmen berichten[v], trägt sicher nicht zu einer realistischen Wahrnehmung bei.

 

[i] Engagement Index Deutschland. URL: http://www.gallup.de/183104/engagement-index-deutschland.aspx [Stand: 08.04.2016].

[ii] Pressemitteilung des Gallup Instituts vom 16. März 2016. URL: http://www.gallup.de/183104/engagement-index-deutschland.aspx [Stand: 08.04.2016].

[iii] Wie wertvoll ist Arbeit? Wenig Anerkennung in deutschen Unternehmen. URL: http://www.stepstone.de/wie-wertvoll-ist-arbeit-wenig-anerkennung-in-deutschen-unternehmen.cfm [Stand: 08.04.2016].

[iv] Vgl. Hermann Simon: Hidden Champions – Aufbruch nach Globalia. Frankfurt 2012, S. 55.

[v] Vgl. ebenda, S. 106.

 

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Autor Alexander Groth

Alexander Groth

Alexander Groth ist Professional Speaker, Trainer und Autor für Leadership. Er gehört zu den Top 100 Excellent Speakers und ist Lehrbeauftragter an drei Universitäten. Sein Engagement gilt der Förderung einer modernen Führungskultur.

Groth ist einer der meistgelesenen Führungsautoren. Als Dozent mit der besten Benotung (1,1/1,0) erhielt er zweimal in Folge den Best Teaching Award der TU München.

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