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Great Leaders: Helmut Schmidt über sittliche Pflicht und Erfolg
Great Leaders: Helmut Schmidt über sittliche Pflicht und Erfolg

Helmut Schmidt – über sittliche Pflicht und Erfolg

Great Leaders: Helmut Schmidt

Wie bestimmt sich Erfolg in der Führung? Die einen haben die eigene Karriere fest im Blick und richten ihre Entscheidungen daran aus. Beeindruckende Lebenswege folgen einem anderen Kompass. Helmut Schmidt ist dafür ein gutes Beispiel.

Im Kalten Krieg nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs rüsteten die USA und die UdSSR ihr Atomwaffenarsenal über Jahrzehnte so weit auf, dass eine Auslöschung der gesamten Menschheit mit Waffen zum ersten Mal in ihrer Geschichte möglich wurde. In der Kubakrise im Jahr 1962 wurde die reale Gefahr eines Atomkrieges auch der Öffentlichkeit bewusst. Das Wettrüsten führte zu einem »Gleichgewicht des Schreckens«, in dem Frühwarnsysteme im Falle eines Angriffs einen sofortigen Gegenschlag ermöglichen sollten. Wiederholt konnten Fehlalarme erst mithilfe von aufsteigenden Kampfjets als solche erkannt werden, da diese keine Raketen am Himmel feststellen konnten.

Abrüstungsverhandlungen seit den 1960er Jahren hatten insbesondere Kurz- und Mittelstreckenraketen ausgeklammert, die Europa bedrohten, die USA aber nicht erreichen konnten. In dieser Situation gab Bundeskanzler Helmut Schmidt den Anstoß für den späteren NATO-Doppelbeschluss, der schließlich zur Aufstellung zusätzlicher atomarer Mittelstreckenraketen in fünf europäischen Staaten führte. Die Wahrscheinlichkeit einer nuklearen Katastrophe aufgrund technischer Fehler oder menschlichen Versagens stieg um ein Vielfaches. Auch schien es unsinnig, weitere Atomwaffen zu bauen und aufzustellen, wenn das bisherige Arsenal bereits ausreichte, um die Welt rein rechnerisch gleich mehrfach zu vernichten (Overkill).

Die Bevölkerung lehnte den NATO-Doppelbeschluss in weiten Teilen ab. Es gab massive Proteste der Friedensbewegung. Schmidt wurde als Kriegstreiber und Hasardeur dargestellt. Willy Brandt und viele Mitglieder der SPD distanzierten sich öffentlich von der Sicherheitspolitik Schmidts. Ungeachtet dessen hielt der Bundeskanzler an der Umsetzung fest. Dies war der Beginn einer Entwicklung, die letztendlich zum Misstrauensvotum gegen Helmut Schmidt sowie zur Wahl Helmut Kohls zum Bundeskanzler führte, der aber am NATO-Doppelbeschluss festhielt und ihn später umsetzte.

Warum aber hat Helmut Schmidt den NATO-Doppelbeschluss mit der Stationierung atomarer amerikanischer Mittelstreckenraketen durch eine Rede in London 1977 initiiert und unnachgiebig daran festgehalten? Schmidt war ein Experte in internationalen Sicherheitsfragen und hatte 1961 ein Buch mit dem Titel »Verteidigung oder Vergeltung« veröffentlicht. Aus seiner Sicht funktionierte die gegenseitige nukleare Abschreckung der beiden Blöcke nicht mehr. Die Amerikaner besaßen interkontinentale Langstreckenraketen, die Sowjetunion dagegen hatte ein großes Arsenal an atomaren Mittelstreckenraketen (SS-20) aufgebaut, die aufgrund ihrer Reichweite nicht Amerika, sondern Europa und insbesondere Deutschland bedrohten. Schmidt sah die Gefahr, dass die Sowjetunion Deutschland angreifen könnte und die Amerikaner nicht reagieren würden, weil der Gegenschlag der UdSSR die eigene völlige Vernichtung zur Folge haben würde. In einem solchen Szenario hielt Schmidt es für nicht unwahrscheinlich, dass die USA sich nicht an die NATO-Verträge halten und Teile Europas aufgeben würde. Wenn aber auf europäischem Boden amerikanische atomare Mittelstreckenraketen bereitständen, wäre ein solcher Angriff für die Sowjetunion kein sinnvolles Szenario mehr.

In seinem Buch »Außer Dienst – Eine Bilanz« schreibt Helmut Schmidt:

»Weil der neue Bundeskanzler Kohl an meiner Entscheidung festhielt (…) wurde der Doppelbeschluss dann tatsächlich in die Tat umgesetzt. Die Verwirklichung der zweiten Hälfte, die Stationierung von Pershing-II-Raketen, löste schließlich genau das erstrebte Ergebnis aus, und 1987 wurde der seit 1945 erste Abrüstungsvertrag (…) zwischen West und Ost geschlossen. Auf beiden Seiten in Europa wurden die atomaren Mittelstreckenwaffen beseitigt. Ich war damals schon seit fünf Jahren aus dem Amt, jedoch empfand ich tiefe Genugtuung über diesen Erfolg.«[i]

In meinem Führungsmodell finden Sie dieses Führungsprinzip als Beitragsdenken wieder. Es ist eines der Prinzipen der Leistungsorientierung. Einen Beitrag leisten zu wollen, kann das Gegenteil von dem sein, was ein Opportunist machen würde und es kann in manchen Fällen sogar die eigene Karriere zuerst einmal negativ beeinflussen. Langfristig zahlt es sich aber oft aus, sei es durch spätere Karriereschritte oder auch die eigene Zufriedenheit mit dem gewählten Weg. Wenn es darum geht, als Leader einen Beitrag für das eigenen Unternehmen und auch die eigenen Mitarbeiter leisten zu wollen, sind wir beim Thema der eigenen Werte.

Was prägte Helmut Schmidt und wie schaffte er es, einen für richtig befundenen Entschluss trotz großer Widerstände durchzusetzen? Helmut Schmidt nennt in seinem Buch »Was ich noch sagen wollte« drei Philosophen, die ihn beeinflusst und seine Werte geprägt haben.

Philosophen, die Helmut Schmidt beeinflusst haben

In seinem Buch »Was ich noch sagen wollte« erzählt der Elder Statesman Helmut Schmidt, wie sein Onkel Heinz ihm zur Konfirmation die Selbstbetrachtungen von Marc Aurel schenkte, die er noch am selben Tag zu lesen begann und dessen Autor ihm zum Vorbild wurde. In den Worten von Schmidt: »Vor allem die beiden Tugenden, die Mark Aurel in den Mittelpunkt seiner Betrachtungen rückt, sprachen mich auf der Stelle an: die innere Gelassenheit und die bedingungslose Pflichterfüllung. Wobei ich damals allerdings noch nicht so weit war, zwischen dem Prinzip der Pflichterfüllung und der Pflicht selbst zu unterscheiden. Die Forderung, seine Pflicht zu erfüllen, lässt offen, in welchem konkreten Handeln die Pflicht besteht, und ist deshalb, für sich genommen, keine wirkliche Hilfe.«[ii]

So gehört es sicher zu den Pflichten einer Regierung, das eigene Volk zu schützen. Das Beispiel des NATO-Doppelbeschlusses zeigt aber sehr deutlich, dass die Art der Umsetzung sehr unterschiedlich gesehen werden kann. Bei der Geisteshaltung der Gelassenheit ist das schon einfacher, denn diese lässt sich auf jede Situation übertragen. Wie trifft man nun die richtige Entscheidung, wie die eigene Pflicht zu erfüllen sei?

Hier kommt ein weiteres Vorbild von Schmidt ins Spiel, nämlich Immanuel Kant. Über diesen schreibt er: »Kant verkörpert für mich das idealistische Prinzip einer unbedingten, weder durch Eigeninteressen noch durch Opportunismus verzerrten Pflichtauffassung.«[iii] Jeder Mensch habe die Aufgabe, die von ihm mit Hilfe des Verstandes erkannte sittliche Pflicht umzusetzen. Kant stellt hier ein Ideal auf, das es anzustreben gilt. Schmidt überträgt das Kantsche Ideal der Pflichterfüllung auf den Politiker, wenn er schreibt: »Ein Politiker darf sein Handeln nicht von der Meinung anderer abhängig machen und hat jede Form des Opportunismus zu meiden. Wenn er alle Folgen abgewogen hat, soll er den Mut aufbringen, das als richtig Erkannte durchzusetzen. So erfüllt er seine sittliche Pflicht in Achtung vor dem Gesetz.«[iv] Dem im Kantschen Sinne idealen Politiker kann man im echten Leben nie ganz entsprechen, Schmidt hat sich aber bemüht, sich diesem anzunähern. Auch ein Leader sollte sich diesen Maßstab setzen, den als richtig erkannten Weg mutig zu gehen. Es bleibt die Frage, welchen Maßstab man bei der Umsetzung der Pflicht zugrunde legen soll.

Hier nennt Schmidt Marcus Tullius Cicero als ein weiteres Vorbild. So schreibt er: »›Salus publica suprema lex‹ [Das Wohl des Volkes ist oberstes Gesetz, A. G.] wurde mir zu einer wichtigen Maxime des politischen Handelns. Ich möchte den Satz jedem Politiker ans Herz legen. Jeder, der politische Verantwortung trägt, muss eine Entscheidung letzten Endes unter diesem Gesichtspunkt treffen: Dient das, was ich will, dem allgemeinen Wohl, welche Interessen stehen dagegen, kann ich meine Entscheidung nach Abwägen aller Argumente verantworten?«[v]

Ein Politiker hat sich also am Allgemeinwohl zu orientieren. Ein Leader sollte neben dem Allgemeinwohl bzw. der Gesellschaft sicher auch Mitarbeiter, Kunden und Shareholder als wichtige Gruppen im Blick haben. Gute Politiker und gute Leader zeichnen sich aber durch eine klare Gemeinsamkeit aus: Sie sind keine Opportunisten, sondern stellen das Wohl der für sie wichtigen Gruppen im Zweifelsfall über die eigenen Bedürfnisse. Auch in schweren Zeiten bei politischem Gegenwind an den eigenen Idealen festzuhalten und den als richtig eingeschätzten Weg zu gehen, erfordert klare Werte. Diese Werte müssen sich bilden, sie entstehen nicht aus dem Nichts. Das Studium von Aurel, Kant und Cicero haben bei Helmut Schmidt dazu beigetragen.

Welche Vorbilder und welche Philosophen haben Ihr Denken und Ihre Werte beeinflusst? Mit welchen möglichen Vorbildern würden Sie sich gern noch beschäftigen?

In der Reihe Great Leaders finden Sie weitere inspirierende Geschichten von außergewöhnlichen Führungspersönlichkeiten.

[i] Schmidt, Helmut: Außer Dienst – Eine Bilanz, 4. Aufl., München 2010, S. 165.

[ii] Schmidt, Helmut: Was ich noch sagen wollte, 6. Aufl., München 2016, S. 23 f.

[iii] Ebenda S. 157.

[iv] Ebenda S. 158.

[v] Ebenda S. 185.

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Autor Alexander Groth

Alexander Groth

Alexander Groth ist Professional Speaker, Trainer und Autor für Leadership. Er vermittelt Führungskräften neue Impulse für ihre Arbeit und ist Lehrbeauftragter an drei Universitäten. Sein Engagement gilt der Förderung einer modernen Führungskultur.

Groth ist einer der meistgelesenen Führungsautoren. Als Dozent mit der besten Benotung erhielt er zweimal in Folge den Best Teaching Award der TU München.

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